Der Kaiser ist immer und überall … in Wien

2. November 2009

Vielleicht hatte der ein oder andere unter Euch schon einmal die Gelegenheit, ein paar Stunden in Wien zu verweilen. Sei es für einen kurzen Aufenthalt auf der Durchreise oder bei einer Tagestour. Dann habt Ihr die Donaumetropole wohl im Schnelldurchlauf kennen gelernt: die „kleine Audio-Tour“ durch Schloss Schönbrunn, einen großen Braunen in einem der stilvollen Kaffeehäuser, noch schnell ein Foto geknipst vom Steffl, ein kurzer Marathon durch die vielen Souvenir-Läden, ab zum Heldenplatz an der Hofburg und zum Abschied noch schnell auf den Wiener Prater.

So hat sich Euch sicherlich in kürzester Zeit das Bild aufgedrängt, dass diese Stadt ihren Weltruhm auf drei historische Größen stützt: den Wunderknaben Mozart, die wunderschöne Kaiserin Elisabeth „Sisi“ (Sissi) von Österreich und natürlich die wunderbare Versuchung aus dem Hause Sacher – die Sachertorte.

MozartkugelWährend die Sachertorte heutzutage noch in ihrer Originalform tausendfach in die ganze Welt geschickt wird, sind die beiden erstgenannten in origineller Form von (Mozart-)Kugeln und (Sisi-)Talern weltweite Exportschlager. Man muss es den Österreichern schon lassen – zwei Bayern einzubürgern und über 100 Jahre später wie Popstars zu vermarkten, ist wirklich gerissen. Der deutsche Versuch, einen Österreicher erfolgreich zu vermarkten, scheiterte bekanntermaßen nach 12 Jahren – nicht alles, was braun ist, schmeckt zuckersüß.

So zieht man also durch die Gassen Wiens und staunt vor den Unmengen an historisch benannten Zucker-Backwaren, die meisten von ihnen zu erwerben in Läden namens „Mostly Mozart“ (der Name ist Programm).

Auf den zweiten Blick – und dieser eröffnet sich dem Besucher erst während ein paar Tagen Intensivreise – offenbart sich allerdings der wahre Superstar dieser Stadt: der Kaiser – die Lichtgestalt am österreichischen Monarchen-Himmel, Kaiser Franz Joseph I. In der Tat begegnet man in diesen Tagen dem „Franzl“ auf Schritt und Tritt. Ein Rundgang über die prachtvolle Ringstraße – bei Kaiserwetter selbstverständlich – zeigt das Ausmaß des kulturellen und wirtschaftlichen Aufschwungs der Ära Franz Joseph I..

Riesenrad am Wiener PraterMit einem Erlass zur Erweiterung der Stadt Wien im Jahre 1857 begründete er den Bau dieses Boulevards mit zahlreichen Prachtbauten, Palais und Parks, wie sie bis heute im alten Glanz des Kaiserreichs erstrahlen und die Speicherkarten unserer japanischen Fotofreunde zum Glühen bringen. Die Höhen und Tiefen der Regierungszeit Franz Josephs I. begleiten die Wiener ihrerseits mit weiteren bedeutsamen Bauwerken. So wurde die Votivkirche anlässlich eines missglückten Attentats auf den Kaiser errichtet und zu seinem 50. Thronjubiläum wurde ihm zu Ehren das damals größte Riesenrad der Welt auf dem Prater eingeweiht.

Der Kaiser ist bei den Wienern ja nicht zuletzt wegen seines angeblich so spartanischen Lebensstils beliebt, von dem sich der Besucher spätestens bei einer Besichtigung der Kaiserappartements in der Hofburg selbst überzeugen soll. Diese Kaiserappartements zeigen die geräumigen 4-Zimmer-Wohnungen von Franz Joseph und seiner Sisi. Der Arbeitstag Ihrer Majestät begann vor fünf Uhr morgens, er verbrachte seinen Alltag mit dem Studieren und Unterschreiben von Akten sowie dem Anhören von Audienznehmern. Für diese höchste Beamtentätigkeit beanspruchte er lediglich ein Schreibzimmer mit „einfachem“ Schreibtisch aus Tropenholz (im dekadenten Wien der Kaiserzeit scheinbar recht spartanisch), ein Audienzzimmer und ein Audienznehmer-Wartezimmer, nebst puristisch eingerichtetem Schlafraum: ein einfaches Bett aus Rosenholz (natürlich ebenfalls tropisch), der Hausaltar mit Goldstickereien und eine Waschkonsole (vermutlich billiges Chinesisches Porzellan), einem großen Salon für Familienzusammenkünfte und einem kleinen Salon als Raucherecke für die Herren (unverzichtbar, denn auch damals gab es Rauchverbot – wenn auch nur in Anwesenheit von Damen). Das alles selbstverständlich in zweifacher Ausstattung, für die Wintermonate in der Hofburg und die Sommerzeit in Schloss Schönbrunn.

Kaiserin Elisabeth „Sisi“ – die zu Lebzeiten wegen ihrer häufigen Abwesenheit und ihrer Abneigung gegenüber dem höfischen Leben nicht halb so viel Ruhm genoss, wie ihr Gemahl – war da weit anspruchsvoller. Nur mit Frisierstube, Turn-/Sprachen-Lern-Zimmer, einem eigens für sie konzipierten Bad mit Wellness-Badewanne und modernster Toilette (für die Dame fließend Wasser aus dem Hahn – damals das erste ihrer Art) und zwei Ankleidezimmern in der Hofburg sowie einem eigenen Stockwerk in Schloss Schönbrunn konnte sie ihre Kurzaufenthalte am Kaiserhof ertragen. Verständlich, dass die Wiener ihren sparsamen Monarchen in den Himmel loben.

Kaiser Franz Joseph I. und seine Sisi

Zu Beginn seiner Regierungszeit war er zwar wegen seines allzu Militär-basierten Regimes und seiner Verschlossenheit gegenüber Reformen und Veränderungen sehr umstritten, jedoch wurde ihm mit den Jahren die Zuneigung der Wiener Bevölkerung zuteil – vermutlich auch aus Mitgefühl für die zahlreichen persönlichen Schicksalsschläge wie die Ermordung seines Bruders Kaiser Maximilian von Mexiko, dem Selbstmord seines Sohnes Kronprinz Rudolf und das Attentat auf seine geliebte Sisi (die Bevölkerung bedauerte zwar das Ableben ihrer Monarchin, doch das Mitleid für den Kaiser stieg schier ins Grenzenlose).

Stephansdom in WienUnd nicht nur im Leben, besonders nach seinem Tod rangen die Wiener um Ihren Franzl. So stritten die drei größten Gemeinden St. Stephan, der Augustinerorden und der Kapuzinerorden um die sterblichen Überreste Ihrer Hoheit. Da es keinen eindeutigen Gewinner gab, musste man brüderlich teilen und so kam es, dass die Knochen vom Kaiser heute in der Kaisergruft der Kapuzinerkirche liegen – in einem Sarkophag selbstverständlich. Sein Herz befindet sich in einer Urne in der Augustinerkirche (wo er immerhin 63 Jahre zuvor seine Sisi geheiratet hat) und der Rest vom Inneren, also die kaiserlichen Gedärme, befindet sich in den Katakomben unterm „Steffl“.

Um das „Wohlergehen“ seiner Bürger nach dem Tod kümmerte sich der Kaiser wiederum seinerzeit. Ihm verdanken die Wiener die Planung und den Bau des Zentralfriedhofs, auf dem Gelände des damaligen Ortes Kaiserebersdorf – ein viel versprechender Name mit günstigem Lössboden, der sich bequem bearbeiten lässt und sich beschleunigend auf den Verwesungsprozess auswirkt, wie die kaiserlich-königliche geologische Reichsanstalt in einem Gutachten feststellte. Er hat sich schon recht um seine Untertanen gesorgt – der Franzl.

Ein recht nostalgisches Flair umgibt also bis heute das Bild des Kaisers. Trotzdem hält sich die Souvenir- und Schokoladen-Industrie weiterhin an ihre Zugpferde, die Kaiserin und den Virtuosen. Dabei verwehrte Franz Joseph selbst mitnichten die kulinarischen Genüsse, war zeitlebens gern gesehener Gast im Hotel/Café Sacher und auch eine heutzutage namhafte Wiener Mehlspeise ist auf Ihre Majestät zurückzuführen. So servierte man Franz Joseph I. während eines Jagdaufenthaltes einen Holzfällerschmarrn, doch für den Hochadligen wurden nur die besten Zutaten verwendet, das Ganze mit Milch, Rosinen und Eiern verfeinert – ein echter Kaiserschmarrn eben, der seitdem zu seinen Lieblingsspeisen zählte.

Die Sachertorte im Wiener Cafe SacherUnd sogar während eines Stopps an der Autobahnraststation konnte ich eine Kaisermelange genießen. Der Kaiser ist eben immer und überall…nur auf dem Kaffee-Haferl lachten mir wieder mal Mozart und Sissi entgegen.

© Sandra Ilmberger, 2008/2009

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