In München unterwegs – auf den Spuren von Handwerkern, Künstlern und Regenten
16. August 2009
Wer heutzutage nach München kommt und die Orientierung in der 1,3-Millionen-Metropole nicht gänzlich verlieren will, greift wahrscheinlich erst einmal zu seinem Navi. Stadtteile wie Schwabing, Bogenhausen oder Grünwald sind ja weit über die Tore Münchens hinaus bekannt. Bei Stadtvierteln wie Maxvorstadt, Ludwigvorstadt und Isarvorstadt kommt langsam auch der Einheimische ins Grübeln. Doch spätestens bei Namen wie Gern oder Am Hart befragt jeder – ob Besucher oder Münchner – lieber seine „Susi“ beziehungsweise seinen „TomTom“.

Techniklaien schwelgen wohl noch in Erinnerung an Zeiten, als der Mensch ohne elektronische Navigationshilfe seinen Weg fand. Nun gut, da griffen wir eben zum bewährten Stadtplan. Dieser fristet in der Zwischenzeit ein kümmerliches Dasein in den Händen von unmotorisierten Touristen und Sightseeing-Begeisterten, die noch kein Internet-fähiges Handy oder gar ein mobiles Navigator-Apps auf ihrem iPhone haben. Mit der fortschreitenden Technisierung wird man Stadtpläne und Reiseführer trotz der in der Werbung als unersetzlich angepriesenen Insider-Tipps recht bald beim Altpapier finden.
Doch wir möchten das Rad der Zeit noch weiter zurückdrehen – zu den Anfängen der Stadtgründung und -planung, um zu erfahren, wie die Bewohner damals ihren Weg machten, als die Kunst des Papierfaltens à la Falk noch nicht erfunden war.
Wer sich bis ins 19. Jahrhundert hinein in München orientieren wollte, war wohl oder übel auf sein Gedächtnis angewiesen. Man musste die Straßennamen auswendig kennen. Bis zum Jahr 1801 gab es sogar überhaupt keine Straßenbeschilderung. Die ab dann aufgestellten Holz-Straßenschilder dienten zwar der Orientierung vor Ort, doch musste die Münchner noch fast ein Jahrhundert warten, um die Straßennamen in einem Verzeichnis nachschlagen zu können. Im Jahr 1894 nämlich wurden erstmals die Straßen der Stadt München in einer Broschüre veröffentlicht. Dieses „Merkblatt“ enthielt alle der damals 800 Münchner Straßen. Bis heute ist die Anzahl auf 6.000 angestiegen und jährlich wächst die Stadt um etwa 20 neue Straßen.
Die Anfänge gehen auf das Mittelalter zurück
Im mittelalterlichen München wuchsen die Straßen innerhalb der Stadttore rasch an. Zur Orientierung gaben ihnen die Bewohner der Stadt Namen, die häufig auf topografische Gegebenheiten (z.B. Tal), der Nutzung (z.B. Rindermarkt) oder ortsansässige Gewerbe (z.B. Färbergraben) zurück zu führen sind. Straßen bzw. Gassen, die zum nächstgelegenen Ort außerhalb der Stadtmauern führten, wurden kurzerhand nach ihrem Zielort benannt, z.B. Sendlinger Gasse, die zum Ort Sendling vor den Toren Münchens führte. Damals als „Gassen“ bezeichnete Wege sind im heutigen Sprachgebrauch längst in „Straßen“ umbenannt.
Der Marienplatz ist seit der Stadtgründung durch Heinrich den Löwen im Jahr 1158 das Zentrum der Stadt. Von Beginn an wurde hier der Markt abgehalten.
Mit der Verleihung der Markfreiheit im Jahre 1315 legte Ludwig der Bayer sogar fest, dass der Platz auf „ewige Zeiten“ hin unbebaut bleiben sollte. Allerdings bekam der Marktplatz erst Jahrhunderte später seinen heutigen Namen. Nachdem die Stadt im Dreißigjährigen Krieg nach der Belagerung durch die Schweden vor der Zerstörung verschont blieb, ließ Kurfürst Maximilian I. im Jahr 1638 als Ausdruck seiner Dankbarkeit die Mariensäule erbauen. Doch die Nutzung als Markt bescherte ihm weiterhin seine Bezeichnung. Erst 1854 erhielt er seinen bis heute bestehenden Namen Marienplatz. Dies hatte zwei Gründe: zum einen wurde der Platz ab 1853 nicht mehr als Marktplatz genutzt, den Getreidemarkt verlagerte man nämlich weiter südlich in die neu gebaute Schrannenhalle. Zum anderen vertrauten die Münchner Bürger der Mutter Maria (in Bayern Patrona Bavariae) mit der Huldigung ihres Namens ihr eigenes Schicksal an, als im gleichen Jahr die Cholera-Epidemie ausbrach.
Im Jahre 1253 war das Tal die breiteste und verkehrsstärkste Straße Münchens, wenngleich die Straße tiefer lag als die umliegenden und vom Marienplatz aus zur Isar abwärts führte. Die Bezeichnung geht also auf die lokale topographische Besonderheit zurück – man ging oder fuhr eben ins Tal. Das Tal war seit Anbeginn ein Teil der Salzstraße, die von Salzburg bis nach Augsburg führte und München durch Zolleinnahmen und den Handel mit dem „Weißen Gold“ zu einer reichen Stadt machte. Im Tal siedelten daher Handwerker an, die mit dem Transportwesen ihren Lebensunterhalt verdienten, wie Seiler, Wagner, Hufschmiede und Lodenmacher.
Das Wort Anger bezeichnete im Mittelalter die Felder südlich der Stadtmauer. Dieser Flurname liegt dem heutigen Oberanger und dem Unteren Anger nahe des Sendlinger Tors (Südliches Stadttor) zugrunde. Die Straße Oberanger entstand um ca. 1300.
Viele Plätze und Straßen leiten ihren Namen von der Nutzung ab. Auf dem Rindermarkt – dem ältesten überlieferten Münchner Straßennamen aus dem Jahr 1242, abzweigend vom Marienplatz – fand im Mittelalter der Viehmarkt satt. Auch der Rossmarkt weiter südlich geht auf den ortsansässigen Handel mit Pferden zurück. Im 14. Jahrhundert entstand in der Weinstraße
(erbaut um 1353, am heutigen Neuen Rathaus) der über Jahrhunderte größte Weinumschlagplatz Süddeutschlands. Im Mittelalter war sogar in der heutigen Hauptstadt des Bieres Wein eines der wichtigsten Nahrungsmittel und Handelsgüter. Die Weinstraße war übrigens im Mittelalter die einzige, die bereits den Namen „Straße“ trug, alle anderen wurden, wie erwähnt, zu dieser Zeit noch „Gasse“ genannt.
Die Kaufingerstraße verdankt ihren Namen einem der reichsten und angesehendsten Bürger dieser Zeit: dem Kaufmann Chunradus Choufringer, der um 1316 in dieser Straße sein repräsentatives Haus hatte.
Diese Straße war seit jeher Teil der Salzstraße, weswegen sich hier bald reiche Kaufleute ansiedelten. Das obere Stadttor (der spätere Schöne Turm), das die Kaufingerstraße abschloss, wurde zu jener Zeit nach Choufringer benannt, nämlich Choufringer Tor. Erstmals 1379, spätestens aber seit dem 17. Jahrhundert wurde die Straße regelmäßig ohne „r“ als Kaufingerstraße bezeichnet. Die kreuzende Rosenstraße (auf dem Foto) gibt es hier seit 1386, jedoch ist die Abstammung des Namens unbekannt. Möglicherweise war ein Marienbild aus dem 18. Jahrhundert, das man an einem Eckhaus in der Straße mit der Aufschrift „Rosa mystica“ fand, Namensgeber für die heutige Straße.
Straßen wie die Neuhauser, Sendlinger (um 1318) oder Schwabinger Gasse (die heutige Residenzstraße) führten vom Zentrum aus in den jeweiligen gleichnamigen Ort, der damals noch außerhalb der Stadt lag. Die Tore in der Stadtmauer, die an dieser Verbindungsstraße lagen, erhielten gleichermaßen den Ortsnamen, also Neuhauser Tor, Sendlinger Tor und Schwabinger Tor, letzteres wurde im Zuge des Baus der Feldherrnhalle 1841-1844 unter Ludwig I. abgerissen.

Auch örtliche Gewerbebetriebe gaben der Straße, in der sie ansässig waren, ihren Namen, so beispielsweise die Ledererstraße (um 1381, nahe des Hofbräuhauses), die Handwerker zur Fertigung von Lederrüstungen, Schuhen, Pfeilköchern und Gürteln beherbergte oder die Schäfflerstraße (um 1388, am Dom), wo sich die Werkstätten der Schäffler, also der Faßmacher, befanden. In der Pfistergasse übten Bäcker (Pfister ist deren alte süddeutsche Bezeichnung) ihre Tätigkeit aus. Die Straße, die zur Alten Münze, also zur Münzprägeanstalt der Stadt führe, heißt demnach – bis heute – Münzstraße.
Die Einwohner des mittelalterlichen München orientierten sich anhand dieser Bezeichnungen. Sie kannten die Gebäude bzw. deren Besitzer in ihrem Stadtviertel und überlieferten diese Tradition mündlich über Generationen weiter. Eine Straßen- und Hausnummern-Beschilderung hätte zu dieser Zeit ohnehin nichts genützt, da ein Großteil der Bevölkerung des Lesens und Schreibens nicht kundig war. Freunden und Gästen in der Stadt erleichterte man die Suche durch Hauszeichen und Freskogemälden an den Hauswänden sowie Gewerbesymbolen, die außen am Haus hängten.
Die Straßenbezeichnungen wurden auf diese Weise bis ins 18. Jahrhundert hinein überliefert. Die Namen waren nicht rechtsgültig und so finden wir in alten Urkunden aus dieser Zeit häufig verschiedene Variationen der Rechtschreibung.
Eine erste Hausnummerierung erließ der Magistrat der Stadt München im Jahre 1770 im Zuge des aufgeklärten Zeitalters, das mit den althergebrachten, über Jahrhunderte unangetasteten und oft auf dem Glauben basierten Traditionen und Vorstellungen brach und das Denken durch Vernunft und neu erlangtes Wissen vorantrieb. Und so wurden dann 1801 auch endlich die Straßennamen auf hölzernen Tafeln an den Straßenecken aufgestellt.
Ende des 18. Jahrhunderts war München so gewachsen, dass man die Stadtmauer aufgab und umliegende Wiesen, Gärten und Bastionen in die Stadt integrierte. Dadurch entstanden im Rahmen der Eingliederung Straßenzüge auf künstliche Weise. Gleichzeitig mussten die Stadtverwalter sicherstellen, dass Straßennamen nicht doppelt auftauchten und legten erstmalig in der Geschichte künstlich geschaffene Straßennamen fest.
Von Regenten, Patriziern und Aufständischen
Die neu erschlossenen Straßen brauchten neue Namen und was bietet sich mehr an, als die Huldigung und Ehrerbietung der Stadt- und Landesväter. Die Namen sollten den Regentenhäusern als Propaganda für ihre Fürsorge um das Volk dienen. So benannte man das nordwestlich der Altstadt angelegte Viertel „Maxvorstadt“ nach dem ersten bayrischen König Max I. Joseph (*1756, +1825). Die Straßennamen wurden den königlichen Prinzessinnen und Prinzen gewidmet, so beispielsweise die Adalbertstraße, Elisenstraße, Luisenstraße, Augustenstraße, Ottostraße oder Karlstraße. Kaum verwunderlich, dass hier Palais und Villen entstanden, die u.a. auch königliche Kunstschätze und Sammlungen aufbewahrten.
Unter Ludwig I. von Bayern (*1786, +1868), Sohn von Max I. Joseph, wuchs München zu einer bedeutenden Stadt der Kunst. Seine Kunstförderung, der Zeitgeist des Klassizismus und seine Vorliebe für die griechische Antike schlägt sich auch städtebaulich nieder, so dass wir ihm die imposante Ludwigstraße
(1817 entworfen von Leo von Klenze, 1822 nach Ludwig I. benannt) mit ihren Prachtbauten wie Feldherrnhalle, Universität, Staatsbibliothek und Siegestor zu verdanken haben, die sich allesamt im Stadtviertel Ludwigvorstadt befinden.
Gleichzeitig ließ der Regent aus dem Hause Wittelsbach der Glorifizierung bayrischer Siege große Aufmerksamkeit zu kommen. Die Bavaria auf der Theresienhöhe, aber auch die Walhalla bei Regensburg und die Befreiungshalle in Kehlheim gehen auf seine Regentschaft zurück. In München ließ er Straßen nach den Orten siegreicher Schlachten gegen Napoléon Bonaparte auf französischem Boden benennen, so z.B. die Arcis-Straße, Barer Straße, Brienner Straße.
Seine Nachfahren griffen diese Idee auf und so entstand nach dem Französisch-Deutschen Krieg im Jahr 1870/71 ein ganzes „Franzosenviertel“. Ausgehend vom Orleansplatz und Pariser Platz nahe dem Ostbahnhof zweigen Straßen wie Elsässer Straße, Lothringer Straße, Sedanstraße oder Gravelottestraße ab.
Ludwig I. (im Bild rechts) ehrte mit der Benennung von Straßen und Plätzen aber nicht nur die Errungenschaften des bayrischen Militärs.
Auch Künstler, Wissenschaftler und Schriftsteller, die sich um München und Bayern verdient gemacht haben, sollten durch Straßenbenennungen eine entsprechende Würdigung erhalten. Unter Ludwig I. und seinen Nachfolgern bekamen beispielsweise die Baumeister Leo von Klenze und Friedrich von Gärtner mit der Klenzestraße (1830) und dem Gärtnerplatz (1863) ein Andenken.
Des Weiteren wurden Künstler wie der Maler Peter von Cornelius (Corneliusstraße, 1830), der Dichter Jacob Balde (Baldeplatz, 1877), der bayrische Geschichtsschreiber Lorenz von Westenrieder (Westenriederstraße, 1848), Wissenschaftler wie der Professor für Philologie und Universalhistorie Jakob Philipp Fallmerayer (Fallmerayerstraße, 1896) sowie der Bildhauer und Erbauer der Bavaria-Statue auf der Theresienwiese Ludwig von Schwanthaler (Schwanthalerstraße, 1850) auf diese Weise geehrt. Die Liste ließe sich noch um zahlreiche Persönlichkeiten ergänzen.
Da die Münchner für ihre bisweilen sture Eigenheit bekannt sind, gelang es nicht jedem Regenten, einem Platz seinen Namen aufzuzwängen. Bereits im Jahre 1797 benannte Kurfürst Karl Theodor einen Platz im Westen der Altstadt zum „Karlsplatz“, nachdem er zuvor Teile der Stadtfestung abreißen und den Platz mit den noch heute vorhandenen halbrunden Häuserzeilen links und rechts neben dem ebenfalls auf „Karlstor“ umgetauften Stadttor neu anlegen ließ. Dieser Platz war seit dem Mittelalter ein recht lebendiger und verkehrsreicher Handelsplatz vor den Stadttoren und wurde seit 1755 von der Bevölkerung „Stachus“ genannt. In jenem Jahr nämlich eröffnete am Rand des Platzes (auf dem Areal der heutigen Galeria Kaufhof) ein Wirt namens Eustachius Föderl sein Wirtshaus „Stachusgarten“, das bald eine beliebte Einkehr wurde. Die Münchner blieben lieber beim bewährten Namen Stachus und so kommt es, dass dieser Platz heute weltweit unter seinem inoffiziellen Namen bekannt ist. Ob dies nun auf die bayerische Geselligkeit im Wirtshaus Stachusgarten zurück zu führen ist oder auf die Unbeliebtheit des Pfälzer Kurfürsten Karl Theodor, bleibt wohl offen.
1875 erhielt der Münchner Magistrat den Auftrag, mit der Benennung neuer Straßen Ereignisse der Stadt- und Landesgeschichte in Erinnerung zur rufen. So erinnern Straßen rund um das ehemalige Marsfeld (einst Exerzierplatz und Kaserne des bayrischen Militärs, in Anlehnung an den römischen Kriegsgott Mars) an Führer der Bayrischen Armee. So z.B. die Deroystraße, benannt nach dem General Bernhard Erasmus Graf von Deroy oder die Wredestraße zu Ehren des bayrischen Generalfeldmarschall und Diplomaten Carl Philipp von Wrede. Die Kaserne musste in den 1960er Jahren modernen Gebäuden weichen, die Marsstraße (seit 1820) sowie der Marsplatz (seit 1980) erinnern heute noch an die militärische Vergangenheit dieses Areals.
Den Freiheitskämpfern, die am 25. Dezember 1705 in der Sendlinger Mordweihnacht (militärische Niederschlagung und Ermordung von bayrischen Aufständischen durch das Besatzer-Heer des österreichischen Kaisers Joseph I. während des Spanischen Erbfolgekriegs) ums Leben kamen, wurde im Zuge dieser städtebaulichen Maßnahme mit der Straßenbenennung auf dem Gebiet des Sendlinger Unterfeld ein Denkmal gesetzt. Namen wie Aberlestraße (1887 nach Johann Georg Aberle), Matthias-Mayer-Straße (1901 nach dem bayrischen Hauptmann Matthias Mayer) und Schöttlstraße (1878 nach Adam Schöttl, dem Anführer der Gebirgsschützen aus dem Isartal) sind von den Anführern und Organisatoren des Aufstands abzuleiten. Straßen wie Gaißacher Straße, Schaftlacher Straße, Gotziner Platz und Gotzinger Straße bezeichnen Orte, aus denen Kämpfer aus dem bayrischen Alpenvorland aufbrachen, um gegen die kaiserlichen Truppen der österreichischen Monarchie zu kämpfen.
Die Schmied-Kochel-Straße geht zurück auf den Schmied von Kochel, der Legende nach einem 70-jährigen Hünen, der als Soldat bereits an der Seite der Wiener gegen die Türkenbelagerung gekämpft haben soll und als einer der Hauptanführer der Sendlinger Mordweihnacht mit einer selbst hergestellten Waffe in der Art eines Morgensterns als letzter Mann gefallen sein soll. Der Mythos um den bayrischen Volkshelden lebt in Form einer überlebensgroßen Statue am „Schmiedbergerl“, wie die Münchner die Anhöhe in der Lindwurmstraße nahe der Schmied-Kochel-Straße umgangssprachlich nennen, weiter.
Im heutigen Westend (ab 1877 erschlossen) finden wir Straßen mit Namen Gollierstraße, Kazmairstraße, Barthstraße, Ridlerstraße, Ligsalzstraße, Tulbeckstraße, Schrenckstraße sowie die Implerstraße im benachbarten Stadtteil Sendling. All diese Namen stammen von wohlhabenden berühmten Münchner Patrizierfamilien ab. Dem Patriziergeschlecht Ridler verdankten die Terziarinnen des Dritten Ordens ab 1295 das Ridlerkloster. Der Familie Kazmair entstammt der mehrfache Münchner Bürgermeister sowie Ratsmitglied und Chronist der Stadt München Jörg Kazmair (+1417). Die Familie Ligsalz wurde bereits im Mittelalter durch den Handel mit Salz sehr reich – erstmals urkundlich erwähnt im Jahre 1340. Familienmitglieder bekleideten ab dieser Zeit Bürgermeister- und Ratsherren-Ämter. Das Bürgergeschlecht der Tulbecks brachte Johann IV. Tulbeck hervor, der im 15. Jahrhundert Fürstbischof von Freising war. Die Familie Schrenck, erstmals 1269 urkundlich erwähnt, ist eine der ältesten Patrizierfamilien Münchens und brachte über die Jahrhunderte zahlreiche Kaufleute, Mitglieder des inneren und äußeren Rats (Stadtrat im Mittelalter) sowie hochrangige Soldaten beim Militär hervor. Die Familie Impler war im späten Mittelalter eine der reichsten Familien Münchens, darunter der Tuchgroßhändler und Ratsherr Johann Impler.
Doch ist es wohl eher dem Zufall oder der Willkür der damaligen bayrischen Beamten zu verdanken, dass dieses Stadtviertel den alten Patriziergeschlechtern gewidmet ist. Mit seinen Hochhausburgen, den nahe gelegenen Schrebergärten, dem neuen Wohn- und Gewerbepark auf dem Gelände der Alten Messe sowie dem Verkehrszentrum des Deutschen Museums ist das Viertel um die Schwanthalerhöhe ein kunterbuntes Gemisch aus alt und neu, traditionell und multi-kulturell. Zu schaffen hatten die Herren Bürgermeister und Ratsherren in dieser Gegend freilich nichts und wer weiß, ob sich einer der reichen Bürger freiwillig hierher verirrt hätte.
Der Einfallreichtum bayrischer Beamter
Ende des 19. bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts gerät die Organisation der Straßenbenennungen ein wenig ins Trudeln. Die Stadt wuchs weiter, man konnte Anknüpfungen an geschichtliche Ereignisse nicht nur auf den Raum München oder Bayern beschränken, die Geschichte und Geographie des ganzen Reiches war gefragt. Die Gebietsabtretungen nach dem Ersten Weltkrieg taten dem Reich weh, sie kamen aber den bayrischen Referenten für Straßenbenennungen zugute. So entstanden beispielsweise die Danziger Straße (1923), die Liegnitzer Straße (1924) und die Klausenburger Straße (1927) in Gedenken an die deutschsprachigen Gebiete, die nun nicht mehr zum Reich gehörten. Doch bald war auch dieses Thema erschöpft und die Beamten mussten ihre Namensneuschöpfungen neben Themen aus der Geschichte und Geographie auf die Botanik und Tierwelt ausweiten, wie Alte Heide (1920 nach der Landschaftsbezeichnung am Grenzgraben zwischen den ehemaligen Gemeinden Schwabing und Freimann), Gänselieslstraße (1930 nach einer Märchengestalt), Ahornstraße (1929 nach der heimischen Laubbaum-Art), Adlerstraße (1934 nach der heimischen Greifvogelart). Der Einfallsreichtum der bayrischen Beamten reichte nicht aus, was zu einem heillosen Chaos mit willkürlichen und oft geschichtslosen Benennungen führte.
Regime-Verherrlichung im Dritten Reich
Wie viele deutsche Städte blieb auch München nicht vor der Praxis im Dritten Reich verschont, die mit der Benennung von Straßen und Plätzen prominente Politgrößen des NS-Regimes ehren wollte. So wurden vor allem am Stadtrand zahlreiche Straßen umbenannt, in der Altstadt hielt sich dieser Aktionismus in Grenzen. So erhielt lediglich der Promenadeplatz offiziell mit dem Ritter-von-Epp-Platz einen neuen Namen, den die Bevölkerung allerdings nicht annahm.
Gleichzeitig findet man in der Münchner Altstadt auch eine bekannte Gasse, die als Sinnbild für den Widerstand gegen die Nationalsozialisten steht. Die Viscardigasse (1931 benannt nach dem Schweizer Baumeister Giovanni Antonio Viscardi) heißt im Volksmund auch Drückebergergasse. Die Gasse befindet sich am Preysing-Palais hinter der Feldherrnhalle und verbindet die Theatiner- und Residenzstraße. Seit dem gescheiterten Hitler-Putsch im Jahre 1923 auf dem Odeonsplatz galt die Feldherrnhalle dem Regime als geweihte Stätte, an der Aufmärsche stattfanden. Ein Denkmal an der Seitenwand sollte an die getöteten Putschisten erinnern, hier stand Tag und Nacht eine SS-Ehrenwache.
Jeder Bürger, der die Residenzstraße an dieser Stelle passierte, musste die Wache und das Denkmal mit dem Hitlergruß ehren. Da auf der gegenüberliegenden Seite der Feldherrnhalle in der Theatinerstraße keine Wache stand, konnten Regime-Gegner diese Pflicht umgehen, indem sie die Viscardigasse durchquerten und die Feldherrnhalle samt Ehrenwache auf der rückwärtigen Seite umgingen. Den Ungehorsam der Bürger brachte man durch die inoffizielle Bezeichnung „Drückebergergasse“ zum Ausdruck. Um diesen stillen Widerstand zu würdigen, wurde Mitte der 90er Jahre eine goldfarbene geschwungene Spur auf das Kopfsteinpflaster aufgetragen, die den Umweg der „Drückeberger“ in Erinnerung rufen soll.
Entnazifizierung und neue Namensgebung
Nach Kriegsende begann die größte Umbenennungs-Aktion in der Münchner Geschichte. Die Stadt musste knapp 200 Straßen entnazifizieren, da sie nach Personen und Motiven des Dritten Reiches benannt waren. Bei weiteren 650 Straßen in den äußeren Stadtbezirken gab es Verwechslungsgefahr mit Straßen in der Innenstadt, so dass auch hier der Stadtrat agieren musste. Einige Plätze in München erhielten Namen zu Ehren von Widerstandskämpfern und Gegnern des NS-Regimes. Beispielsweise der Geschwister-Scholl-Platz vor der Universität, wo die Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ um Hans und Sophie Scholl im Februar 1943 ihr sechstes Flugblatt gegen die Kriegspolitik des Dritten Reiches verteilte und wenige Tage nach der Verhaftung hingerichtet wurden.
Ein Platz im Norden Münchens, zuvor als Feilitzschplatz (nach dem bayrischen Staatsminister und Staatsrat Maximilian Alexander Freiherr von Feilitzsch) bekannt, heißt im Andenken an die „Freiheitsaktion Bayern“ seit 1946 Münchner Freiheit. Die Freiheitsaktion Bayern versuchte in den letzten Kriegstagen, die Kapitulation gegenüber den alliierten Siegermächten durchzusetzen und wurde von den Truppen der SS verfolgt. In Erinnerung an die „Opfer des Nationalsozialismus“ entstand 1946 der gleichnamige Platz samt Denkmal nahe der Innenstadt.
In den Folgejahren griff man die Weiterführung der Bezeichnung nach historischen Ereignissen sowie örtlichen Gegebenheiten und zur Ehrung von Personen von öffentlichem Interesse wieder auf. Seit 1988 unterliegt die Vergabe von Straßennamen einem kritischen Prozess: Das Kommunalreferat erarbeitet einen Vorschlag aufgrund von Anregungen von Privatpersonen und Bezirksausschüssen. Nach der Prüfung durch verschiedene Gutachter beschließt der Kommunalausschuss den Namensvorschlag. Straßennamen, die ihren Ursprung in Bereich wie Geographie, Flora und Fauna haben, bestimmen die Bezirksausschüsse direkt, bei der Bezugnahme auf bekannte Persönlichkeiten bedarf es einer Entscheidung im Stadtrat.
Auch heute noch werden Personen, die zum Ansehen der Stadt und des Freistaates Bayern beitrugen, durch die Benennung von Straßen und Plätzen geehrt. Eine Bedingung ist allerdings seit Ende des 18. Jahrhunderts an diese Auszeichnung geknüpft: der Stadtrat gewährt diese nicht zu Lebzeiten der Ehrenperson.
Dem bekannten und beliebten bayrischen Volksschauspieler Toni Berger
(berühmt durch seine Darstellung als „Boandlkramer“ – hier links im Bild – in der 1975 verfilmten Fassung des Theaterstücks „Der Brandner Kaspar und das ewig’ Leben“ sowie u. a. als Martin Binser in der 80er Jahre-Kultserie „Irgendwie und Sowieso“ des Bayrischen Rundfunks), der im Jahr 2005 verstarb, bekam 2007 mit der Toni-Berger-Straße in Lochhausen postum ein Denkmal gesetzt. Sein Schauspieler-Kollege, die bayrische Film- und Fernsehgröße Helmut Fischer
(bekannt durch seine Paraderolle als Ur-Münchner und „ewige Stenz“ in Monaco Franze oder auch als Assistent von Gustl Bayrhammer alias Hauptkommissar Veigl in den 70ern und später in den 80ern als dessen Nachfolger Hauptkommissar Lenz im Münchner Tatort), gestorben 1997, erhielt ein Andenken mit dem Helmut-Fischer-Platz. Der Platz befindet sich angrenzend zur Fallmerayerstraße in Schwabing, in der der Münchner Schauspieler bis zuletzt lebte.
Allzu gerne räumen sich die Bürger bisweilen ein Selbstbestimmungsrecht ein. Dann nämlich, wenn im Rausch eines Sommermärchens berühmte Fußball-Persönlichkeiten dringend geehrt werden müssen. Dann können begeisterte Fans in Feierlaune nicht auf ein langwieriges Urteil des Stadtrates warten, schnelle Entscheidungen müssen her.
Und deshalb konnte man im Juli 2006 spontane Umbenennungen zu Ehren unserer Weltmeister-Elf beobachten, wie hier die berühmte Leopodolski-Straße im Stadtteil Schwabing, nachdem Prinz Lukas Poldi Podolski mit dem 4:2 im Elfmeterschießen gegen Argentinien den deutschen Vorsprung ausbaute.
Das Original – die Leopoldstraße in Schwabing – wurde übrigens nach einem echten Prinzen benannt, dem Prinz Leopold von Bayern im Jahr 1891.
An dieser Stelle sei gesagt, dass die Herleitung einzelner Münchner Straßen beinahe unendlich lange fortzuführen wäre. Dieser kleine Auszug soll einen kurzen Überblick über die städtebauliche Geschichte geben. Wer noch mehr über die Entstehung und Namensableitung bestimmter Straßen erfahren möchte, kann ja auf die Neuerungen modernster Technik zurückgreifen und „Susi“ oder „TomTom“ befragen.
© Copyright: Sandra Ilmberger
Entry Filed under: Heimatelfe - Geschichten rund um München & Bayern. Schlagworte: Geschwister Scholl, Helmut Fischer, iPhone, Ludwig I, Lukas Podolski, Marienplatz, München, Napoleon, Navigation, Schwabing.
1 Comment Add your own
Leave a Comment
Some HTML allowed:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <pre> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>
Trackback this post | Subscribe to the comments via RSS Feed


1.
drenegadt | 26. August 2009 at 15:04
Eine absolut klasse Geschichte, die einem vor allem mal wieder verdeutlicht, wie „blind“ man eigentlich in seiner eigenen Stadt umherirrt. Kompliment für die sagenhafte Recherche und bitte noch viel mehr von Artikeln dieser Art!
Liebste Grüße